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1. Dezember 2017–20. Januar 2018

Seit mittlerweile fast 30 Jahren künstlerisch tätig, bildet Fotografie bis heute den Kern von Lukas Einseles Arbeiten. Gleichzeitig zweifelte er stets an den Möglichkeiten des Mediums. Schließt sie ihn als Fotografierenden doch immer aus der abgebildeten Situation aus. Und auch ihr „Wahrheitsgehalt“ kann von Natur aus nur marginal sein, ein Aspekt, mit dem er sich in seinen dokumentarischen Arbeiten kritisch beschäftigt und nach Auflösungen sucht.

Entscheidend für die Aussagekraft einer Fotografie ist die Perspektive, aus der sie betrachtet wird. „All one Song“ steht für das Erkennen, dass ein Bild gar nicht immer auf dieselbe Weise verstanden werden muss und kann. Wird es entkoppelt von der Serie als Einzelbild in einen neuen Kontext gesetzt, besinnt es sich zunächst seiner selbst, kann eigene und neue Verbindungen eingehen.

Von ihrem ursprünglichen Kontext befreit, im Zusammenspiel mit installativen Momenten, zeigt Einsele in „All One Song„ Bilder aus verschiedensten Projekte der letzten 25 Jahre. Mit einem Mal spielen übergeordnete Fragen eine Rolle, die vorher den Prinzipien und Aussagen der Serie untergeordnet waren. Gewissermaßen auf dem Seziertisch den Fragen nach Struktur, Inhalt, Ausdruck, Sinnhaftigkeit persönlicher Bedeutung ausgeliefert, werden die Fotografien zu Teilen eines anderen, eines großen Ganzen. Der Blick auf sie wird geweitet.

Durch nichts könnte die Intention eines Künstlers so erkennbar gemacht werden, wie durch das Präsentieren seiner Herangehensweise. Einsele sammelt, archiviert, sortiert, verschiebt permanent seinen Fokus. Sein stetes Interesse gilt den Zusammenhängen, den Verbindungen. Denn ist es nicht die Aufgabe eines Künstlers, Beziehungen freizulegen, um zu zeigen, wie die Dinge wirklich liegen, die uns in unserem Jetzt und Heute berühren?

Es passt zu Einseles naturwissenschaftlicher Herangehensweise, Kunst auch physikalisch zu erklären: Um etwas hochzuheben, in eine höhere Form zu bringen, ist Energie erforderlich. Wenn während dieser Energiezufuhr etwas, sagen wir „Ungewöhnliches“ passiert, wenn ein Abweichen von der Norm zu erkennen ist, dann haben wir es im besten Falle mit Kunst zu tun.

Es sind die Brüche im System, die Einseles Interesse erwecken. Wo etwas bröckelt, kommt oft Wahres zum Vorschein. Dieses Bewusstsein ist fest in Einseles Werk verankert und in komplexen Vorgängen des Sammelns, der (Aus-) Sortierung und Kombination erkennbar. Dadurch, dass er uns Einblick in seine Archivsituation, in seine Denkstruktur und prozesshafte Arbeitsweise bietet, macht er uns mitverantwortlich für die Perspektive, die wir einnehmen. Hier liegen Tausend-und-eine Möglichkeit vor uns ausgebreitet und es ist an uns einen Standpunkt einzunehmen. Der Hypertext ist freigelegt, um den Betrachter zu einem eigenständigen aber bewussten und gebildeten Kommentar zu befähigen. Es sind die Strukturen, die Zusammenhänge, die zu einer Aussage führen. Es gehört immer alles zusammen.

„All one Song“ lädt ein in eine skurrile Situation zwischen Tatort, Spurensicherung und Wunderkammer. Einsele schärft den Blick auf die Wirklichkeit, ohne etwas Neues künstlich zu erschaffen. Alles, was er zeigt, ist oder war wirklich da. Es bedarf nur des wachen Blickes. Aber das klingt leichter als es ist.

Lukas Einsele
*1963 lives and works in Darmstadt / Germany
1982 – 1985 Freie Universität Berlin, German Language and Literature, Theater Studies, Philosophy
1985 – 1991 Fachhochschule Darmstadt, Photography, Diploma 1991
2013 – 2017 Senior Lecturer Camera Arts / Hochschule Luzern

Residencies, grants, awards, projects, teachings (selection):</strong

2016 “Dehumanization – New approaches to understanding the politics of human nature”, Central European Universtiy Budapest, Hungary

2015 Nominated for Prix Pictet „Disorder“ with project „Absolute Dis_Order“

2007 Nominee for the Deutsche Börse Photography Prize

since 2006 Member of the Deutsche Fotografische Akademie

2006 Karl-Hofer-Award of the Universität der Künste Berlin

German Photo Book Award 2006/07 for the book ”One Step Beyond”

2004 Project Grant by Kunstfonds Germany

2003 Working Grant by Kunststiftung Nordrhein Westfalen

since 2001 “One Step Beyond – The Mine Revisited”

2001 – 2002 Travel Grant by Hessische Kulturstiftung
1999 – 2000 Guest Professor at Merz Academy, Stuttgart
1997 – 1998 Resident of Akademie Schloß Solitude, Stuttgart
(selected by Jeff Wall)

1996 – 2009 Organisator and curator of several exhibiton projects

1996 Working Grant by Kunstfonds e.V., Bonn

1994 – 1995 Working Grant by Hessian Ministry for Science and Art

1993 – 2010 Artist Studio, City Council Darmstadt

1991 – 2012 Several projects with support of the Goethe Institut (Helsinki, Warschau, Moskau, Madrid, Kabul, New York, Beirut, Tel Aviv)

1991 »Artist In Residence« BIAD, Birmingham UK

Selected exhibitions

2017 FELD+HAUS, Frankfurt am Main, Germany

2015 “M85” Evidence, FORMAT Fotofestival Derby, England

“7 Places – 7 Precarious Fields”, Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg, Germany

2012 “Status – 24 Contemporary Documents”, Fotomuseum Winterthur, Switzerland

2011 “Mute”, Maumaus, Lissabon, Portugal

“M85 – Fragments of a Cluster Bomb”, After the Butcher, Berlin, Germany

2010 “Design of the In-Human”, Baden-Württembergischer Kunstverein, Germany

“Krieg / Individuum”, AZKM Münster, Germany

2009 “The Bitter Years Contemporary”, Kunstforum Casino, Luxemburg

2008 Bildmuseet Umeå, Sweden

“Die Welt sollte zunächst so bleiben, wie sie ist”, Neue Kunsthalle Mainz, Germany

Museum für Kommunikation, Frankfurt am Main, Germany

Bucharest Biennial, Romania

2007 Bildmuseet Umeå, Sweden

                        “Heterotopias”, 1st Thessaloniki Biennial, Greece

“Die Fremde Landschaft”, Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Germany

2006 United Nations Visitors‘ Center, New York, USA

2005 Witte de with Center for Art, Rotterdam, Netherlands

Museum Haus Ester, Krefeld, Germany

“Kritische Gesellschaften – Quellen der Empörung”,

Badischer Kunstverein Karlsruhe, Germany

 

Projects and publications (selection):

“The Many Moments of an M85 – Zenon‘s Arrow Retraced” (since 2009)

“One Step Beyond – The Mine Revisited” (2001-2005)

The book “One Step Beyond” (publ. Witte de With and Catherine David, 2005 Hatje Cantz) was awarded with the Deutsche Fotobuchpreis 2006/2007 and the Karl-Hofer-Prize of the Universität der Künste Berlin.

With the project space ”HOLDEN“ (2007-2009) Lukas Einsele (in collaboration with the curator Dr. Jessica Beebone) realized exhibitions and interventions in a socially critical quarter in Darmstadt.

“Oblivion and Memory – Questions on the Representation of Trauma”, Edition Solitude 2005

With “Fall Out” 1996 and “Periphery” 1997 Lukas Einsele as a member of the artist group Wacker Kunst produced and curated two exhibitions with the participation of international artists (Douglas Gordon, Stephen Craig, Alex Hartley, David Shrigley a. o.)